William Harvey

Der Entdecker des Blutkreislaufs

William Harvey führte das Leben eines gewöhnlichen praktischen Arztes in London. Doch er war nicht nur Leibarzt der Könige Jakob I. und Karl I.; mit Harveys Entdeckung des Blutkreislaufs begann ein neues Zeitalter in der Geschichte der Medizin.

William Harvey erblickte am 1. April 1578 als Sohn einer kinderreichen Familie in Folkestone/Kent das Licht der Welt. Von 1593 bis 1599 studierte er in Cambridge. Anschließend ging er nach Padua und beendete dort sein Studium im Jahr 1602 mit der Promotion. Die dortige medizinische Fakultät galt seinerzeit als eine der besten Europas, und vor allen Dingen der anatomische Unterricht hatte einen herausragenden Ruf. Etwa ab 1604 wirkte Harvey als praktischer Arzt in London. Im Alter von 37 Jahren wurde er Professor der Anatomie und Chirurgie am Königlichen College der Ärzte. Als solcher wurde er überdies im Jahr 1616 zum außerordentlichen Hofarzt König Jakobs 1. befördert, und im Jahr 1625 wurde er Leibarzt König Karls 1.

Harvey entwickelte die erste vollständige Theorie des Blutkreislaufes, indem er annahm, daß das Blut durch die Kontraktionen des Herzes durch den ganzen Körper gedrückt werde. Im Jahr 1628 veröffentlichte er sein bahnbrechendes Werk "Exercitatio Anatomica de Motu Cordis et Sanguinis in Animalibus", oft abgekürzt als "De motu cordis". Von der Lehre des Aristoteles beeinflußt, ging Harvey von einer göttlich geschaffenen, immanent aktiven, lebenden Materie aus, die sich beim Menschen primär im Blut manifestiere. Aus dieser Konzeption leitete sich Harveys Methodologie ab: die Hinwendung zu Beobachtung, Experiment und Neubenennung der Dinge der Natur. Okkulte Instanzen zwischen Gott und der lebenden Materie lehnte Harvey ab.

Harvey ging von Untersuchungen zum Herzschlagvolumen aus, die es nahelegten, daß eine große Menge Blut von der Vena cava zur Aorta fließen mußte. Als brauchbare Lösung des Problems bot sich nur ein zentripetaler Blutfluß in den Venen an, der in der galenistischen Medizin geleugnet wurde. An dieser Stelle griff Harvey die zeitgenössisch beliebte Kreislauf-Metapher auf und formulierte so sein radikal neues Konzept des Blutkreislaufes vom linken Herzen über die Arterien und Venen zum rechten Herzen.

Um Klarheit über die Herzfunktion zu erhalten, führte Harvey zahlreiche Experimente durch. Schließlich gelang ihm die experimentelle Bestätigung durch Vivisektionen verschiedener Tiere. Er beobachtete die Herztätigkeit von über 80 Tierarten und führte vor allem Ausblutungs- und Abbindungsversuche durch. Bei seinen Experimenten erkannte er, daß die Venenklappen wie Ventile funktionieren und den Blutstrom nur in eine Richtung durchlassen.

In der Folgezeit entspann sich ein erbitterter Kampf pro und contra Harveys Abhandlung. Trotz dieser anfänglichen Kritik setzte sich Harveys Theorie bald durch und wurde Grundlage der neuen mechanischen und chemischen Medizinkonzepte.

Am Anfang war das Ei

In seiner zweiten, der Nachwelt erhaltenen Veröffentlichung "Exercitationes de Generatione Animalium" (1651) faßte Harvey die Ergebnisse seiner embryologischen Untersuchungen an Küken zusammen. Der Zeugungsvorgang bestand nach Harvey aus der Übertragung einer immateriellen "Fruchtbarkeit" des Samens auf die mütterliche Materie. Der Embryo entwickle sich dann autonom über das Zwischenstadium "Ei", wobei die Organe in definierter Reihenfolge aus dem ursprünglichen Blutstropfen in Erscheinung traten. Diese Konzeption der "Epigenesis" setzte sich nach Harvey zunächst nicht gegen die Präformationslehre durch.

Ganz im Gegensatz zu dieser rastlosen Forschertätigkeit stehen lebensgeschichtliche Details, die ein ganz anderes Charakterbild von Harvey nahelegen könnten. "Man hätte nicht übel Lust, den Mann etwa als Engländer hinzustellen, der viel zu phlegmatisch war, früher zu sterben als im achtzigsten Lebensjahre. Ein Kampfgetöse (23.10.1642) hindert ihn nicht, währenddessen ein Buch zu lesen, bis ihn schließlich ein in der Nähe einschlagendes Artilleriegeschoß aus der Beschaulichkeit aufstört. Seinen Sturz vom Wagen mit Fall auf die Schläfe benützt er zur sofortigen Pulszählung, um die Zeit zu ermitteln, innerhalb derer eine Geschwulst an der getroffenen Stelle auftritt." (Prof. R. Ritter von Töply in: W. Harvey, Die Bewegung des Herzens und des Blutes, Leipzig 1919). Allerdings zeigt sich in dieser Begebenheit auch, wie schnell und unkonventionell Harvey jede Gelegenheit nutzte, seinen Wissenseifer zu befriedigen. Erst mit weit über 70 Jahren zog Harvey sich ins Privatleben zurück. Er starb kinderlos im Alter von nicht ganz achtzig Jahren im Jahr 1657 an den Folgen eines Schlaganfalls.