Hypericum perforatum - Mit Johanniskraut kommt Freude auf

Hexenkraut, Christi Kreuzblut, Herrgottsblut, Sonnenwendkraut, Johannisblut, ... unzählige Namen erhielt diese Pflanze im Laufe ihrer rund 2000jährigen Anwendung in der Heilkunde. Vor wenigen Jahren allerdings trat Johanniskraut, Hypericum perforatum, einen wahren Siegeszug durch die Arzneimittelschränke an. Hypericum-Extrakte machten eine beispiellose Karriere und zählen in Deutschland mittlerweile zu den am häufigsten verwendeten Präparaten bei Depressionen.

Geschichtliches

Hypericum perforatum erfreute sich bereits in der Antike größter Beliebtheit in der Heilkunde. Schon Dioskurides berichtete von vier verschiedenen Hypericum-Arten. Er empfahl die Pflanze gegen Ischias und als Umschlag gegen Brandwunden. Auch in den Kräuterbüchern des Mittelalters ist die Pflanze als Arzneimittel bei somatischen, aber auch bei psychischen Leiden zu finden. Im Volksglauben spielte das Johanniskraut als Mittel gegen Zauberei und gegen die Anfechtungen des Teufels eine große Rolle. Aus Schleswig-Holstein stammt die Sage, das zur Mittagszeit in voller Sonne am Johannistag gesammelte Kraut könne nicht nur Wunder tun, es könne auch Hexen dazu bringen, die Wahrheit zu sprechen. In Oberösterreich legten die Bauern nach altem Brauch das Kraut zwischen zwei Scheiben Brot und gaben es dem Vieh zum Schutz vor Krankheiten zu Fressen.

In der christlichen Tradition wurde Johanniskraut eine Metapher für das Licht, da seine Blüten an die Sonne erinnern. Die Christen weihten die Pflanze dem Märtyrer Johannes dem Täufer, der für seinen Glauben auf Wunsch der Herodestochter Salome geköpft wurde. Der rote Saft der Blüten soll an sein Blut erinnern. Auch einer der längsten Tage des Jahres, der 24. Juni, ist als "Johannistag" Johannes dem Täufer gewidmet und fällt mit dem Beginn der Blütezeit dieses Krautes zusammen.

Botanik

Johanniskraut gehört zur Familie der Hartheugewächse und wird bis zu einen Meter hoch. Die Blätter sind durchscheinend punktiert und meist nur am Rand mit schwarzen Drüsen besetzt. Die Stengel tragen zahlreiche goldgelbe Blüten mit fünf Kronblättern. Beim Zerquetschen der Blüten tritt ein blutroter Saft aus, der die Finger blauviolett färbt, was zu vielen Sagen und mystischen Anwendungen Anlaß gegeben hat. Johanniskraut ist in ganz Europa sowie in Westasien und Nordafrika heimisch und wächst bevorzugt an sonnigen Plätzen. Johanniskraut blüht Ende Juni bis Anfang August. Als Droge werden die zur Blütezeit geernteten und anschließend getrockneten Zweigspitzen verwendet. Das Homöopathische Arzneibuch schreibt vor, die ganze, frische, blühende Pflanze und die frischen, oberirdischen Teile der blühenden Pflanze zu verwenden.

Wirkungen

Als kühlendes, entzündungshemmendes Mittel und zur Behandlung innerer Eiterungen und Lungenerkrankungen wurde Johanniskraut schon von Hippokrates verwendet. Große Anerkennung fand das Kraut bei Paracelsus, der es gegen "tolle Phantasien", äußerlich als schmerzlinderndes Mittel sowie bei Würmern, Kontrakturen und Quetschungen empfahl. Nach Sebastian Kneipp wirkt ein aus Johanniskraut hergestellter Balsam gut bei Schwellungen, Hexenschuß, Gicht und Verrenkungen. Die Volksmedizin schätzt Johanniskraut als Mittel gegen Gallenbeschwerden, Gastritis, Bronchitis, Asthma, Diarrhöe, Bettnässen, Rheuma, Wurmbefall und Gicht. Das auch als Rotöl bezeichnete Hypericum-Öl fand sich noch in diesem Jahrhundert in fast jedem Haushalt. Ihm werden heilende Eigenschaften besonders bei Verbrennungen und Hautwunden zugeschrieben, aber auch bei Magen-Darmverstimmungen. Seitdem die Naturheilkundler die Wirkung auf das Nervensystem entdeckten, erlangte Johanniskraut auch als "Arnika der Nerven" Bekanntheit.

In der Homöopathie wird das Johanniskraut nach Gerhard Madaus (Lehrbuch der biologischen Heilmittel, S. 1591) bei Nervenschädigungen durch Trauma, durch Anämie oder geistige Überanstrengung gebraucht. Man verordnet es häufig bei Stich- und Schnittwunden, Wund- und Narbenschmerzen nach Operationen, bei Neuralgien, Herzneurosen, Neurasthenie, Hysterie, allgemeiner Unruhe und Schlaflosigkeit. Auch in der Urologie und Gynäkologie hat sich Hypericum bewährt.

Antidepressiv

Seit den 70er Jahren wurde Johanniskraut intensiv analysiert und als Pharmakon bei Depressionen geprüft und akzeptiert. Seine Wirksamkeit bei Patienten mit depressiven Verstimmungszuständen, psychovegetativer Dystonie, psychosomatischen Beschwerden und leichter – besonders larvierter – Depression wurde in vielen Erfahrungsberichten, Doppelblind- und Vergleichsstudien mit synthetischen Antidepressiva überzeugend dokumentiert. Johanniskraut ist wohl die am besten und sehr gründlich erforschte psychotrope Naturstoffdroge.

Lange Zeit nahm man an, die Hypericine allein würden durch Bildung von endogenen Porphyrinen eine antidepressive und stimmungsaufhellende Wirkung entfalten. Aktuelle Studien belegen jedoch, daß die depressionslösende Wirkung des Hypericum perforatum nicht einer einzelnen Substanz, sondern dem Gesamtextrakt zuzuschreiben ist. Die wichtigsten Inhaltsstoffe sind der gelbe Farbstoff Hypericin und Pseudohypericin mit ihren Abkömmlingen, Flavonoide, Xanthonderivate, Hyperforin, Amentoflavon, Biapigenin und ätherisches Öl. Eine Standardisierung von phytotherapeutischen Johanniskrautpräparaten erfolgt anhand des Gehaltes an Gesamt-Hypericin. Nach heutiger Kenntnis wird der Wirkmechanismus der Droge folgendermaßen erklärt: Johanniskraut führt zu einer gesteigerten Melatonin-Sekretion in der Nacht, zu einer Hemmung der Monoaminooxidase (MAO), der Catechol-O-Methyltransferase (COMT) und des Interleukin 6.

Nebenwirkungsarm

Mit Johanniskraut steht ein erwiesenermaßen nebenwirkungsarmes Phytopharmakon zur Verfügung. Die Verträglichkeit von Johanniskraut gilt als sehr gut. In seltenen Fällen wurde aufgrund des Hypericin-Anteils eine photosensibilisierende Wirkung beobachtet, die aber meist nur bei äußerlichen Anwendungen, etwa von Johanniskrautöl auf der Haut, ins Gewicht fällt.