August Bier
Der angesehene, einflußreiche Berliner Chirurg, Wissenschaftler und Philosoph August Bier (1861 -1949) war eine vielseitige Begabung und immer für eine Überraschung gut.
Er vertrat mit Vehemenz und einer gewissen "Hemdsärmeligkeit" das, was er für sinnvoll oder aber für opportun hielt. Die von ihm entwickelte Narkosetechnik der Lumbalanästhesie erprobte er zunächst am eigenen Leibe.
Millionen von Soldaten im Ersten Weltkrieg verdankten ihm als Erfinder des Stahlhelms ihr Leben. Sein engagierter Einsatz für die Homöopathie entfesselte einen Sturm der Entrüstung unter den etablierten Schulmedizinern.
Der am 24. November 1861 in Helsen/Waldeck geborene August Bier machte bereits in jungen Jahren Karriere. Er studierte in Berlin, Leipzig und Kiel und habilitierte im Alter von 28 Jahren mit einer Arbeit über die Darmnaht. Nach Stationen in Greifswald und Bonn wurde er im Jahr 1907 an die Berliner Chirurgische Universitätsklinik, die seinerzeit berühmteste deutsche Klinik für Chirurgie, berufen.
Bier galt damals in Berlin als die medizinische Persönlichkeit, seine Vorlesungen waren ständig überfüllt. Dennoch gelang es ihm nicht, den Neubau des veralteten Klinikums durchzusetzen. er schuf jedoch ein kleines medizinisches Zentrum, in dem er sein integratives Konzept einer "physiologischen Chirurgie" verwirklichen konnte. 1928 wurde Ferdinand Sauerbruch (1875 - 1951) als geplanter Nachfolger Biers nach Berlin berufen. Unter den Studenten kursierte der Spruch: "Wer etwas erleben will, geht zu Sauerbruch, wer etwas lernen will, zu Bier". Unter heftigen politischen Protesten von rechts wurde Biers Klinik im April 1932 wegen der hohen Unterhaltungskosten geschlossen. Bereits ein Jahr später wurde sie mit nationalsozialistischer Propaganda in Anwesenheit Biers wieder eröffnet. Fachlich blieb die Klinik bedeutungslos, politisch wurde sie jedoch zum Zentrum von Hitlers Begleitärzten.
Bier beteiligte sich an der deutschnationalen Professorenpolitik gegen die Weimarer Republik und unterstützte bei der Reichspräsidentenwahl 1932 nicht mehr Hindenburg, wie noch 1925, sondern Adolf Hitler. Seine teleologische Betrachtungsweise in der Medizin, sein heraklitisches Experiment im privaten Forst auf Gut Sauen und sein "biologisches System" in den Spätschriften "Die Seele" (1939) und das Leben" (1951) standen jeweils mit den politischen Tendenzen im Einklang. Der NS-Staat zeichnete ihn dafür 1937 mit dem Nationalpreis aus, was nicht verhinderte, daß er auch von der sowjetischen Besatzungsmacht geehrt und zum humanistischen Erbe der DDR-Militärmedizin gezählt wurde.
Wissenschaftler und Philosoph
Als wissenschaftlich bedeutsamste Leistungen des August Bier gelten die Einführung der Lumbalanästhesie (1899), die Entwicklung der sog. aktiven Hyperämie sowie eines Konzeptes zur Therapie der Knochen- und Gelenktuberkulose in der Heilstätte Hohenenlychen und die Herausgabe der Chirurgischen Operationslehre mit H. Braun und H. Kümmel. Bier bewirkte die Ausrüstung der Soldaten im Ersten Weltkrieg mit Stahlhelmen und gründete die deutsche Hochschule für Leibesübungen (1920).
Als Anhänger des Hippokrates (460 - 370 v. Chr.) hielt Bier die Abkehr von der Säftelehre, der Humoralpathologie als theoretischer Grundlage der Medizin, für eine verhängnisvolle Entwicklung. Kompromißlos vertrat er die Auffassung, in Entzündungen und Fieber die "natürlichen Heilmittel" des menschlichen Körpers zu sehen. Er richtete seine Behandlung danach aus, diese Abwehrvorgänge möglichst nicht zu unterdrücken. Wo sie zur Heilung nicht ausreichten, zielte er darauf, die Entzündung künstlich zu verstärken. Oft versuchte er auch, fieberhafte Reaktionen auszulösen, um schlummernde Abwehrreserven zu wecken.
Reiz und Reaktion
In langjährigen Studien befaßte sich Bier mit der Steigerung der körpereigenen Abwehr bei schweren Infektionen, vor allem Abszessen und Phlegmonen, durch die Anwendung des Glüheisens. Bier ging dabei so vor, daß er den Abszeß chirurgisch öffnete, Eiter und zerstörtes Gewebe entfernte, um danach die Wunde bis in alle Winkel auszubrennen. Später dehnte er die Anwendung des Glüheisens auf die Behandlung innerer Organentzündungen nichteitriger Art aus, insbesondere die Entzündung des Herzens. Bier beabsichtigte eine zusätzliche Aktivierung der körpereigenen Abwehr durch Produkte der Gewebsverbrennung, also eine Überhöhung der infektbedingten Entzündungsreize. Ziel war es, die Reaktionen des Körpers zu steigern und darüber hinaus den Wundheilungsprozeß zu verbessern.
Hyperämie als Heilmittel
Schon früh hatte sich Bier mit dem Einsatz von Verfahren zur lokalen Durchblutungssteigerung in der Chirurgie befaßt. Er wollte, wo irgend möglich, chirurgische Eingriffe überflüssig machen. Zur Erzeugung einer örtlichen Durchblutungssteigerung bediente sich Bier zwei verschiedener Verfahren: Mit der Hilfe von Heißluftkästen erzeugte er die von ihm als arterielle Hyperämie bezeichnete Wirkung. Durch sorgfältig gestuftes Abschnüren von Gliedmaßen mit einer elastischen Binde erreichte er sogenannte Stauungshyperämie. Neben diesen elastischen Binden verwendete er aber auch herkömmliche Schröpfköpfe sowie den Körperformen angepaßte große Saugglocken.
Bier und die Homöopathie
Bereits 1907 hatte ein homöopathischer Arzt seine Kollegen an wenig beachteter Stelle darauf aufmerksam gemacht, daß die Anschauungen des bekannten Berliner Chirurgen August Bier mit der Homöopathie weitgehend konform seien. Dennoch war 1925 die Sensation perfekt, als sich der allseits geachtete Geheimrat und Professor für Chirurgie an der Berliner Universität in einem Artikel, der zuerst in der "Münchener Medizinischen Wochenschrift" erschien, für die Homöopathie einsetzte. Bier bekannte dort, daß er sich bereits viele Jahre zuvor mit der Homöopathie und ihren theoretischen Grundlagen befaßt habe. In diesem Zusammenhang verwies er auf seine persönliche Bekanntschaft mit Hugo Schulz (1853 - 1932), dem Greifswalder Pharmakologen, der experimentell bestätigt hatte, daß kleine Reize die Lebenstätigkeit anregen, stärkere Reize jedoch hemmende oder gar tötende Wirkung haben.
Bier berichtete in seinem Artikel von seinen ausgedehnten Versuchen mit kleinen Gaben von Schwefel bei Hautkrankheiten, leugnete aber nicht, daß er Probleme habe, Hahnemanns Hochpotenzen in ihrer Wirkung zu erklären. Er plädierte jedoch für mehr Toleranz im Umgang miteinander und verlangte, daß sowohl die medizinische Wissenschaft einen Platz für die Homöopathie einräumen solle als auch, daß umgekehrt sie sich Virchows Maxime zu eigen machen sollte, nämlich nicht exklusiv sein zu wollen und sich nicht selbst zu überschätzen.
Ein Sturm der Entrüstung brach unter Biers Standeskollegen los. In ärztlichen Kreisen sah man in seinen Äußerungen sogar die Preisgabe ärztlicher Interessen und zweifelte an der Zuverlässigkeit der Beobachtungen, auf die sich Bier stützte. Aber auch in seinen späteren Publikationen blieb Bier bei seiner Meinung.
August Bier starb am 12. März 1949 auf seinem Gut Sauen in Brandenburg. 5 Ehrendoktorhüte und die Ehrenmitgliedschaft in 15 wissenschaftlichen Gesellschaften sind Ausdruck der Anerkennung, die man seinen Leistungen entgegenbrachte.
